Monat: September 2015

Kriegsorangen

Gepostet am Aktualisiert am

Der Rottweiler Narr reicht Pralinen, der Oberndorfer Narr Orangen.

So viel Ordnung muss sein, so schreiben’s die lokalen Narrenzünfte vor. Und verstehen keinen Spaß, wenn da was durcheinandergeht.

DSC_6792Dabei sind die südlichen Früchte durchaus nicht nur ein Symbol der leichten Lebensart und des Genusses. In Oberndorf erinnern sie an Waffengeschäfte. Denn die Orangen kamen folgendermaßen zur Oberndorfer Fasnet: 1920 weilte eine türkische Delegation in Oberndorf. War das osmanische Reich doch ein Großabnehmer der Oberndorfer Waffenfabrik Mauser. Hunderttausende Gewehre verkaufte man. Kam dann eine türkische Delegationen in der Stadt, so sollte sie sich heimisch fühlen. Dazu errichtete man auch ein Gebäude im orientalischen Stil, den so genannten „Türkenbau“. Die osmanischen Abgesandten zeigten sich dankbar und brachten Kostbarkeiten aus ihrer Heimat: Orangen, damals in Deutschland noch äußerst kostbare Lckereien. Diese verteilten sie bei der Oberndorfer Fasnet. Der Brauch des Orangenausteilens hielt sich. Das Waffengeschäft auch.

Ob nun auch die Rottweiler Pralinen Tauschware oder Freundschaftsgeschenk für Rottweiler Schießpulver war, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts kaum weniger bekannt war als die Oberndorfer Mauser – wer weiß. Die Geschichte birgt ja immer wieder Leckereien, mit denen man kaum rechnet.

Jedenfalls hat sich aber auch der Rottweiler Wehrhaftigkeit inzwischen mediterrane Lebensfreude beigesellt. So stehen vor dem Kraftwerk, welches einst die Rottweiler Pulverfabrik mit Energie versorgte, nun Palmen und Palmenimitationen. Im Inneren des Gebäudes brummen nicht mehr Turbinen, da feiern jetzt Menschen und Firmen in südländischer Ausgelassenheit unter grünen Wedeln.

DSC_6918Währenddessen erhebt sich über dem Rottweiler Neckartal inzwischen der ThyssenKrupp-Testturm, in dem ab 2016 Hochgeschwindigkeitsaufzüge für die große weite Welt getestet werden sollen. Irgendein kluger Mensch von ThyssenKrupp, im Übrigen ja auch traditionsreiches Rüstungsunternehmen, hat den Rottweilern den (Palmen)Floh ins Ohr gesetzt, dass in Zukunft nun Scheichs und Milliardäre in Rottweil Stammgäste sein werden, um hier Aufzüge für ihre zukünftigen Hochhäuser zur Probe zu fahren. Eine seltsame Geschichte, etwas märchenhaft. Aber die Rottweiler scheinen einen Narren daran gefressen zu haben. Und so wird sie weiter kolportiert, nicht zuletzt von Lokalpolitikern. Vielleicht planen manche ja auch schon einen Willkommensbau, vielleicht ein Rottweiler Palm Jumeirah, damit sich Scheich-Delegationen auch heimisch fühlen.

Ob die Herren Scheichs dann wirklich kommen und auch etwas Schönes für Rottweil zurücklassen – etwa Dattelpralinen, die der Rottweiler Narr dann in Ehren halten kann – oder ob man sich auf der Aussichtsplattform des Turms unter Plastikpalmen mit selbst mitgebrachten Pralinen und dem Blick auf die Alb trösten muss – Hu Hu Hu!

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