Monat: Februar 2016

Leiermaschinen – Eine kleine Dingfastnacht

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Nulli sua forma manebat, schreibt Ovid in den Metamorphosen, keinem bleibt seine Form. Ja, nicht einmal die Verwandlung bleibt sich gleich, jede Zeit hat auch hier ihre eigenen Formen. Das romantische Zeitalter, es mit den Liedern, die in allen Dingen haltend, kannte da als Lieblingsverwandlungsform die Leier. Was allerlei Vorteile bot. Wenn sich etwa einmal ein Lied in einem Ding einstellen sollte, so konnte dieses dann davon ausgehen, sogleich angemessen begleitet zu sein.

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Selbst die Zeit hatte sich da musikalisch zu beflügeln. Sogar nüchterne Stempeluhren ließ quittierter Arbeitszeit  poetischen Zauber zuwehen.

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Jederlei Grenzen schienen im großen Leierlied aufgehoben, selbst Licht sollte im großen Harfenkonzert wohlgestimmt wogen.

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Natürlich musste da auch alles, was Musikinstrument war, Leier werden.

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Strengen Geschmacksrichtern wie Gustav Pazaurek, Verfasser der 1912 veröffentlichten Stilfibel  „Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe“, mag all das unangenehm aufgestoßen sein. Mit Pazaureks Kriterienkatalog lässt sich dem Leierwerden der Dinge Unnettes wie etwa funktionelle Lügen, Konstruktions- und Technikspielereien, billige Originalität und Vergewaltigung des Materials vorwerfen.

Doch was ficht den echten Romantiker puristisch-puritanische Rigidität an? Statt sich öder Funktionalität zu unterwerfen, kapriziierte sich die Romantik, unter anderem Blickwinkel auch Disziplinarzeitalter genannt,  auf die Perfektion von Verfahren der Anverwandlung. So dressierte man sich auch Tiere nach dem Vorbild der Leier. Das Dressurinstrument dazu ist die Serinette, eine kleine Leierorgel, auf welcher man Singvögeln Melodien vorleiert, bis diese sie nachsingen.513px-377-Serinette-q75-1143x1335Doch musste die Romantik auch die Unkontrollierbarkeit der gerufenen Geister und Lieder erkennen. Nietzsche, einer der großen Diagnostiker und Opfer der Zucht- und Leierideen des 19. Jahrhunderts,  verpackt diese Erkenntnis in sein Gedicht Dichters Berufung.    Dieses berichtet davon, wie das romantische Subjekt von Vogellauten zum Dichtautomaten dressiert wird:

„Als ich jüngst, mich zu erquicken, / Unter dunklen Bäumen sass, / Hört’ ich ticken, leise ticken, / Zierlich, wie nach Takt und Maass. // Böse wurd’ ich, zog Gesichter, – / Endlich aber gab ich nach, / Bis ich gar, gleich einem Dichter, / Selber mit im Tiktak sprach. // Wie mir so im Verse-Machen / Silb’ um Silb’ ihr Hopsa sprang, / Musst’ ich plötzlich lachen, lachen / Eine Viertelstunde lang. // Du ein Dichter? Du ein Dichter? / Steht’s mit deinem Kopf so schlecht? / – „Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“ / Achselzuckt der Vogel Specht. …“

In unseren Tagen ist die romantische Phantasie vom Lied in allen Dingen auf recht prosaische Weise Realität geworden: Abermillionen billige Lautsprechern in Abermillionen Elektrogeräten umnebeln uns unablässig  mit Konservenmusik.

Ernster ist es der heutigen Kontrollgesellschaft dagegen mit dem schönen, exakten Bild und den vernetzten, rechnenden Augen, die einen fortwährend begleiten – ähnlich den Augen des Argus, der in Ovids Metamorphosen beauftragt wird, die von Zeus begehrte Io zu bewachen. Der Mythos erzählt, wie Argus vom Boten- und Betrügergott Hermes durch Musik betäubt wird, worauf Hermes ihm den Kopf abschlug und sich die hundert Augen des Erschlagenen in das Federkleid eines Pfaus verwandeln.

Nicht weniger tragisch endet die Geschichte des Ur-Leierhelden Orpheus. Mit seiner Musik auch Bacchantinnen mit ungezügelten Begierden anlockend wird Orpheus schließlich zerrissen und stirbt. Sein Kopf landet in einem Fluss und treibt aufs Meer hinaus, um weiterzusingen, bis ihm Apollo schweigen heißt – vielleicht um endlich selbst wieder zur Leier zu greifen.

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