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Zwischen Kabeln und Fluten

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Am letzten Mittwoch konnte nun die Lesung „Zwischen Plüsch und Kabeln“ in der Novilla in Schöneweide nachgeholt werden. Obwohl es für einen Tag im späten Oktober noch recht warm war, fühlte es sich doch nicht mehr nach Sommerfrische an. Also fand der Lesungsabend mit Ursula Seeger, Sebastian Unger und mir statt in dem schönen Garten mit Spreeblick hinter der alten Villa auf der Bühne des Veranstaltungsraum drinnen statt – wo man zumindest durch ein Fenster auf die Spree sieht.

Ursula und ich präsentierten einige, teilweise neue Auszüge aus unserem Buchprojekt über menschliche und nichtmenschliche Architekturen. Begleitend zum Textvortrag zeigten wir nicht nur eigene Bild- und Videomaterialien, sondern machten dazu auch Live-Sounds mit Hilfe von Steinfunden, Bauwerkzeugen, Natur- und Baustellenaufnahmen.

Gesteinstransformationen zwischen Land und Wasser

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In der Calanque de Port-Miou bei Cassis, wo ich letzte Woche mit Ursula Seeger unterwegs war, finden sich interessante Transformationsprozesse.

Seit der Antike wurde dort Kalkstein abgebaut und für die Anlage des Hafenbeckens von Marseille oder für das Herstellen von Sarkophagen verwendet. Später nutzte man die Steine für den Bau der Kathedrale von Marseille oder für Quais dort, in Alexandria oder am Suez-Kanal.

Heute findet man in der Calanque statt Transportschiffen Freizeityachten/boote.

Und unter den alten Steinbrüchen betreiben verschiedene Schneckenarten die Transformation von Kalk in ihre Gehäuse.

Mooswälder

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Wilde Mooswälder bei Bruniquel.

Neben und in einem ausgetrockneten Bachbett wuchern hier quasi-tentakuläre Verbindungen von Moosen, Flechten, Bäumen und Büschen, die einem das Gefühl geben, sich durch eine fremdartig-magische Region des Luftozeans zu bewegen.

Übergänge, Schleifen, Märkische Hausangelegenheiten

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Ursula Seeger und ich haben nun das Kapitel „Übergänge / Schleifen“ aus unserem lyrisch-grafischen Buchprojekt zu menschlichen und nichtmenschlichen Gehäusen abgeschlossen.

Hier eine Collage daraus – zu Märkischen Hausangelegenheiten:

Augustfunde

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Ein außergewöhnlich heißer Monat. Ein Dürremonat. Wiesen, wie ich sie in meiner bayerischen Heimat noch nie sah.

Dachspfoten galten hier einst als unheilabwehrend. Man trug sie an Charivaris – Schmuckketten, an die man Zähne, Haare, Gebisse, Knochen oder eben auch Pfoten von Tieren hing, im Glauben, die Kräfte dieser Tiere gingen auf den Träger oder die Trägerin über.

Welche Talismane braucht eine Zeit, in der einen statt wilden Tieren die Tücken einer scheinbar unregulierbaren menschlichen Natur das fürchten lehren?

In schattigen, von Menschenhand nur wenig veränderten Wäldern war die Trockenheit weniger stark zu spüren. Dort konnte einen immer wieder üppiges Wuchern überraschen.

Überhaupt erstaunt es immer wieder, wo überall Pflanzen und Tiere sich einzunisten vermögen und was ihnen alles als Lebensraum dienen kann. Dabei zeigt sich oft auch, wie einfach und beschränkt unsere Vorstellungen für die Nutzung von Orten ist.

So kann eine Krone etwa ein guter Brutplatz für Befiederte sein. Die Herrschaftsinsignie eignen sich dafür gar nicht schlecht. Welche Verstrickungen sich in der menschlichen Zeichenwelten daraus ergeben, soll nicht die Sorge einer Taube sein.

Verschoben: Sommerfrische zwischen Plüsch und Kabeln

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Die Lesung mit Ursula Seeger, Sebastian Unger und mir, die am Mittwoch, 27.7., vor der Novilla in Niederschöneweide stattfinden sollte, muss wegen Corona-Erkrankung verschoben werden. Sie findet nun wahrscheinlich Mitte Oktober statt.

Ursula und ich werden dann Teile aus unserem lyrisch-grafischen Buchprojekt zu menschlichen und nichtmenschlichen Gehäusen vorstellen, wozu ich auch Sounds machen werde. Sebastian wird Essays zu Fragen der Grenzen und der Verdrängung von Natur(en) und Gedichte lesen.

Sommerfrische zwischen Plüsch und Kabeln – unter diesem Motto möchten sieben Berliner Autorinnen und Autoren, die sich im Herbst 2021 in der Dachetage der ehemaligen Plüschfabrikanten-Villa zusammengefunden haben, mit den Moving Poets Berlin zu einer Lesereihe im Sommer 2022 nach Schöneweide einladen und sich und Gäste ihrer Wahl vorstellen. Es gibt dort einen malerischen Ort direkt an der Spree zu entdecken, mit Blick auf die Industriearchitektur der Kabel- und Transformatorenwerke Oberschöneweide und vor der Industrialisierung im 19. Jahrhundert Ausflugsort, der geradezu danach ruft, literarisch bespielt zu werden. Lesung Sebastian Unger und seine Gäste Ursula Seeger und Johann Reißer.

Fotos (c) privat

Mit freundlicher Unterstützung von DRAUSSENSTADT – Call for Action, der Senatsverwaltung für Kultur und Europa und der Stiftung für kulturelle Weiterbildung und Kulturberatung

Literarische Symbiosen – Lesung mit Ursula Seeger und Marion Poschmann

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Am kommenden Freitag, 24. Juni, werde ich mit Ursula Seeger und Marion Poschmann im Belvedere am Kreuzberg lesen. Ursula und ich werden Teile aus unserem lyrisch-grafischen Buchprojekt zu menschlichen und nichtmenschlichen Architekturen vorstellen und dazu Bilder und Videos zeigen. Marion Poschmann wird aus ihrem mit dem Wortmeldung-Preis ausgezeichneten Essay „Laubwerk“ lesen und Gedichte vortragen.

Die Lesung findet im Rahmen der Reihe „Literarische Symbiosen“ statt, musikalisch wird sie vom genau genug orkestra begleitet.

Selten wurde die Abhängigkeit menschlichen Lebens von der Umwelt so deutlich wie in Zeiten des Klimawandels. Grund genug, den Abgründen, aber auch Chancen dieser schillernden Beziehung eine literarische Themenreihe zu widmen.

Die Reihe „Literarische Symbiosen“ präsentiert an vier Abenden Autor*innen und Kollektive, die ihr Schreiben der Verbindung von Mensch und Umwelt widmen.

Beginn: 20:00 Uhr, Eintritt 5-8 €
Belvedere am Kreuzberg | Viktoriapark 1, Kreuzberg Straße 32Y | 10965 Berlin http://belvedereamkreuzberg.com

Marion Poschmann (*1969 in Essen) studierte Germanistik, Philosophie und Slawistik und lebt in Berlin. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen für Lyrik und Prosa, darunter den Bremer Literaturpreis 2021 für den Gedichtband Nimbus und den Wortmeldungen-Preis für kritische Kurztexte für ihren Essay Laubwerk. Ihr Roman Die Kieferninseln stand 2017 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis und 2019 auf der Shortlist des Man Booker International.

Ursula Seeger (*1984), hat ihr Studium an der Kunsthochschule Braunschweig mit einer Ausstellung über poetische Physik und physikalische Poesie abgeschlossen. Literarisch und künstlerisch beschäftigt sie sich mit Natur(wissenschaften), forscht Verhältnissen zwischen Mensch und nichtmenschlicher Natur nach. Sie ist Mitglied der Nature-Writing-Gruppe dns [die_natur.schreibt]. 2021 gewann sie den 1. Preis des Scivias-Literaturwettbewerbs. http://www.farblichtklavier.de/wordpress

Johann Reißer (*1979) ist Autor, Theatermacher und Dozent. Er veröffentlicht Lyrik, Prosa und intermediale Arbeiten. Mit verschiedenen Gruppen führte er eigene Stücke auf, zuletzt WÜSTE-REGEN-FLUTEN. Aktuell arbeitet er an einem Roman zur Geschichte der deutschen Rüstungsindustrie sowie gemeinsam mit Ursula Seeger an einem lyrisch-grafischen Buchprojekt zu menschlichen und nichtmenschlichen Architekturen.

Das Projekt wurde gefördert im Rahmen von „Neustart Kultur“ der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien durch den Deutschen Literaturfonds e.V.

Bildrechte: Marion Poschmann: © Frank Mädler, Johann Reißer: © privat, Ursula Seeger: © privat, Collage & Gestaltung: © Ursula Seeger

Gebrannte Landschaften

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Collagen zum Kapitel „Schichten/Lagen“ aus dem lyrisch-grafischen Buchprojekt zu menschlichen und nichtmenschlichen Architekturen, an dem ich gemeinsam mit Ursula Seeger arbeite.

Stein um Stein, Stich um Stich

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Derzeit arbeiten Ursula Seeger und ich an dem Kapitel „Schichten/Lagen“ aus unserem lyrisch-grafischen Buchprojekt „Unser Haus“. Darin interessiert uns die Herkunft und das Schicksal verschiedener Baustoffe, so auch das der Milliarden von Ziegelsteinen, mit denen ein guter Teil der Berliner Altbauten errichtet worden ist.

Anfang des 20. Jahrhunderts entstand im Norden Berlins bei Zehdenick eines der größten Ziegeleigebiete Europas. 1910 wurden dort 625 Millionen Mauerziegel in 57 Hoffmannschen Ringöfen gebrannt, die zum größten Teil auf Transportkähnen nach Berlin verschifft wurden.

Für den Tonaabbau wurden immer neue Gruben, sogenannte Stiche, angelegt. Diese tragen oft den Namen der Ziegeleibesitzer, doch auch andere Namen, die etwa auf den Verwendungszweck hinweisen. So findet man neben dem Burgwaller-, dem Faulhaber-, dem Prerauer- und dem Ramin-Stich auch den Mieten-Stich und den Kinder-Stich. Während ich für den Namen des letzteren keine Erklärung finden konnte, ist der Name des Germania-Stichs einfach zu erklären: er diente dem gigantomanischen Germania-Projekt der Nazis.

Zurückgeblieben ist von der riesigen Tonaabbaulandschaft, über der einst ein dichter Wald von Schloten rauchte, heute ein Erholungsgebiet mit zahlreichen Seen, Schwimmstränden, Naturlehrpfaden, einem gesperrten Militärgebiet und Vogelbeobachtungsplattformen. An manchen Uferstellen sieht man unter dem Wasserspielgel aber auch noch Ziegelsteine schimmern, die beim Verladen oder dem Kentern eines Lastenkahnds ins Wasser gefallen sein mögen, Reste einer an dieser Stelle geschürften und ausgehärteten Stadt.

Leckende Archen, löchrige Ordnungen

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Ursula Seeger und ich haben soeben ein Kapitel unseres lyrisch-grafischen Buchprojekts „Unser Haus – Zwölf Schleifen zwischen Zellen und Clouds“ fertiggestellt, das sich mit Mustern und Ordnungen auseinandersetzt, wobei uns u. a. auch die Entwicklung von Einteilungen im Verlauf der Geschichte interessiert hat.

Dass das Ordnen der näheren und ferneren Umgebung und also auch der nichtmenschlichen Natur ein urmenschliches Bedürfnis ist, zeigt sich schon in alten Quellen. So findet isch in einer Beatus-Handschrift aus dem späten 12. oder frühen 13. Jahrhundert etwa diese Illustration:

Interessanter Weise ähnelt die Einrichtung der Arche Noah hier recht deutlich den Mustern und Setzkästen, die später für das Sammeln und Ordnen von (toten, präparierten) Tieren, Pflanzen oder Mineralien verwendet wurden. Die Rettung vor der Flut, ausgelöst durch den Zorn eines strengen, ordnungsliebenden Gottes über sittliche Unordnung, geschieht in einem akribisch unterteilten Wabenhaus, das zugunsten seiner Ordentlichkeit die Schwimmfähigkeit hintenanzustellen scheint.

Dabei sind immer zwei Wesen einer Art in einem Kasten, konzipiert als minimalistische Reproduktionszelle, untergebracht. Doch erkennen wir darin nicht nur uns bekannte Tierarten, sondern auch eigenwillige Fabelwesen oder Monstren, von dem eines im untersten Stockwerk mit einer Vielzahl von kleinen Köpfen auf einem großen Kopf wohl am groteskesten wirkt (eine Medusa?). Zudem sind diesem Monstertypus zwei getrennte Zellen zugestanden – vielleicht weil die beiden Exemplare im Streit miteinander sind?

In späteren Jahrhunderten erlaubte man sich solche Wildheiten oder Menschlichkeiten beim Ordnen der Natur kaum mehr. Es wurden zunehmend präzise, nüchterne, klar hierarchisierende Muster der Ordnung und der Benennung eingeführt, wie diese Schaukästen aus dem Museum für Naturkunde in Berlin zeigen.

Solche Ordnungsmuster wirken bis in die Gegenwart fort, in der sich naturhistorische Institutionen nun die Aufgabe stellen, die Ergebnisse der Ordnungsanstrengungen früherer Jahrhunderte mit heutiger Technik zu digitalisieren und die entstehenden Daten auszuwerten und über gut geordnete, zugängliche Datenbanken für Nutzer verfügbar zu machen.

Das Museum für Naturkunde in Berlin zeigt dies in ihrer aktuellen Ausstellung.

In dem Buch, an dem Ursula Seeger und ich arbeiten, sind solche Prozesse Ausgangspunkte für poetische Operationen, wenn wir durchleuchten, wie Menschen sich Behaustheit herstellen, wie sie dabei mit anderen Lebensformen und (Natur)Materialien umgehen und in welchem Verhältnis diese Anstrengungen zu nichtmenschlichen Architekturen stehen.

(Die Beatus-Handschrift, aus der die obige Abbildung stammt, liegt in der John Rylands Library in Manchester, für die Abbildung gilt Creative Commons 4.0 (CC BY-NC-SA 4.0))