Monat: November 2015

Mohnaugen, Camouflagebäume und allerlei Türen

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Natürlich war mir und meiner Performancegruppe bewusst, dass man in UK in der ersten Novemberwoche gefallenen Kriegsteilnehmern gedenkt. Deshalb machten ja auch wir uns auf den Weg nach England. Vom Ausmaß, welches dieses Gedenken annimmt, waren wir dann aber doch überrascht: Von Straßen und U-Bahnen, in denen man sich  vorkam wie in einem wogenden Kunstblumenfeld. Überall Mohnaugen, geheftet an Jacken, Blusen, Jacketts, gefertigt aus Papier, Kunststoff, lackiertem Metall. Vor Westminster Abbey dann über hundert  hundert Gedenkbeete, umzäunt von Kreuzen mit angehefteten Mohnblumenimitaten: gekreuzigter Mohn. Man las

„IN MEMORY OF THE FALLENS OF THE ARMY FILM AND PHOTO UNIT“

oder

„IN MEMORY OF THE FALLEN OF THE ARMY CATERING CORPS“

DSC_6915

Spätestens hier begriff man, dass das Kriegsgedenken in England nicht zuletzt deshalb ein ganz anderes Ausmaß als in Deutschland annimmt, weil es eben nicht nur einer Erinnerungsakt ist, sondern auch bedeutet, sich hinter die gegenwärtigen Kriege Großbritanniens und all diejenigen, die sie austragen, zu stellen. Was den durch die Straßen wogenden Poppies nochmals einen anderen Beigeschmack verleiht.

Die Kriege der Vergangenheit und Gegenwart zu verlebendigen ist auch der Auftrag des Imperial War Museums. Insbesondere die neue neue Ausstellung zum Ersten Weltkrieg wird da zur Leistungsschau aktueller Ausstellungstechnik. Da durchläuft man interaktive Schützengräben, in denen Panzer, Flieger und Maschinengewehre lauern, macht Bekanntschaft mit Camouflagebäumen, stolpert dann schon wieder ungewollt in die nächste Audioglocke, während neben einem das Abhorchen feindlicher Stollen nachgespielt werden kann. Und das alles natürlich begleitet von Schützenfeuersound nonstop. Für Kinder gibt’s einen Multimedia-Spieltisch, wo u. a. das Auffüllen von Munition mit Pulver großen Spaß zu machen scheint. Und wer dann noch etwas vom Ersten Weltkrieg mit nach Hause nehmen will, hat beim Shop etwa die Auswahl zwischen einer Kriegsspardose in Panzerform und dem Faksimile eines Schützengraben-Kochbuchs. Also: Warum nicht Trench-Cooking als Remembrance Programm, wenn man von der Paleo-Diät eh Mal wieder die Nase voll hat?

camouflage tree 3

Unser Beitrag zum Kriegsgedenken, das Performance Programm „Poetic Battlefields – The First World War in Poetry“, arbeitete da mit etwas einfacheren Mitteln – vier Stimmen, etwa 35 Gedichte, verarbeitet zu 3 Performances, eine Powerpoint-Präsentation und ein paar kleine Instrumente waren unser ganzes Tourgepäck. Dennoch kam die Performances an allen Auftrittsorten – an der Queen Mary University London, am Magdalene College Cambridge und am St. Hilda’s College Oxford- sehr gut an und das mit beständig steigenden Zuschauerzahlen (hier Fotos von den Proben).

proben battlefields 4

Und wir freuten uns sehr über das große Interesse, das man unserem Programm und der Thematik entgegenbrachte. Freuten uns über viele interessante Begegnungen und Eindrücke. Waren beeindruckt von den Räumlichkeiten, in denen wir untergebracht wurden, von Ritualen, deren wir teilhaftig wurden – so etwa ein Formal Dinner bei Kerzenschein. Da fühlte man sich ein wenig so wie beim ersten Mal ministrieren bei der Ostermesse: die rituelle Feierlichkeit, die Überfülle alter Bräuche und strenger Regeln.

cambridge dinning hall oxford fellow room

Und waren erstaunt auch über so manche anderen englischen Eigenheiten. Etwa über englische Türen. Die ersten zwei Nächte schliefen wir in einem als Porter’s Lodge erbauten Gebäude am Eingang zu einem Park, der von einem durch Kolonialgeschäfte reich gewordenen Privatmann angelegt worden war. Wer zu dem Häuschen kam musste dort absatteln bevor er den Park betreten durfte. Heute spielt man (nachdem man wohl auf ähnliche Weise reich geworden ist) hinter der Parkmauer  Golf. Wir schliefen in dem ehemaligen Porter’s Lodge in einem kleinen Dachzimmer, das eine winzige Hobbittür zu einem weiteren Schlafzimmer aufwies, durch die man durchkriechen musste. An den Colleges öffneten sich uns dagegen plötzlich sehr große Türen. Türen, die für die breite Öffentlichkeit verschlossen sind, herrschaftliche Räume, wunderbare Bühnen. Und dann wieder nächtigte man auf einem Hausboot, begrüßt nur von einem Zahlencodeschloss und mehreren Katzen, stand mit einem Handy mit leerem Akku vor den verschlossenen Türen eines kamerabewachten Studentenwohnheims, stand mitten in der Nacht vor dem eigenwilligen Schloss eines Hostels und kam nicht hinein. Mit der Zeit begriff man da, dass die Szene bei Alice in Wunderland, in welcher Alice sich in einem Raum mit entweder zu großen oder zu kleinen Türen vorfindet und dann die eigene Größe verändern muss, um durch die Türen zu passen, im Kontext englischer Gegebenheiten durchaus nicht dem Bereich der Phantastik zugeordnet werden muss. Sie spiegelt nur wieder, was einem hier allerorten begegnet: Seltsame Türen, die einen ausschließen, einlassen oder vor eindeutige Entscheidungen stellen. Wie etwa die Türen im Innenhof der Bodleian Library (man beachte das Schild „Private“ an der Tür zur „Schola Logicae“).

3 doors oxford

Oder der Durchgang zum Pitt Rivers Museum: aus dem glasüberwölbten Stahlwald der Natur, der u. a. auch Alices Dodo beherbergt, führt eine unscheinbare Pforte in eine Wunderkammer, welche die ganze Menschenwelt in Kästen mit Kategorien wie etwa „Locks and Keys“, „Treatment of the Dead“, „Recycling“ oder „Featherwork“ einfängt. Auf der einen Seite dieser Pforte sind Knochen genau zu klassifizierende Beweisstücke der einen oder anderen Lehre von der Natur, sind Federn Forschungsgegenstände. Auf der anderen Seiten werden Knochen zu Instrumenten, Federn zu magischen Instrumenten: Türen, die sich schließen, Türen, die sich öffnen.

natural pitt rivers o

 

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