Der dunkle Stoff des Fortschritts

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Gestern erschien eine schöne und ausführliche Besprechung meines Romans „Pulver“ von Umit Yilmaz auf literaturkritik.de

Darin heißt es am Schluss: „Am Ende führt deshalb kein Weg an dem ersten historischen Satz des Romans vorbei: „Und wieder kracht ein Schuss.“ Erst nach der Lektüre gewinnt das unscheinbare „wieder“ sein volles Gewicht. Pulver erzählt nicht von identischer Wiederholung, sondern von Wiederkehr in veränderter Gestalt. Fabriken ändern ihre Funktion, politische Systeme brechen zusammen, Waffen und Medien wechseln ihre Form. Die Verbindung von technischem Fortschritt, Macht und Gewalt bleibt jedoch bestehen.

Gerade dort, wo der Roman über Max Duttenhofer hinausweist, erreicht er seine größte Stärke. Reißer benutzt dessen Biografie, Familie und industrielle Welt, um eine weiterreichende Frage zu stellen: Hält die moralische Entwicklung des Menschen mit seinen technischen Möglichkeiten Schritt? Eine eindeutige Antwort gibt Pulver darauf nicht. Der Roman stellt vielmehr die beiden Gesichter des Fortschritts nebeneinander: Erfindung und Zerstörung, Wohlstand und Ausbeutung, Kommunikation und Propaganda, Erinnerung und Verdrängung. Der Fortschritt verändert seine Gestalt. Seinen Schatten wird er nicht los.“

Der gesamte Besprechung unter https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=32342 sowie hier :

Der dunkle Stoff des Fortschritts

Johann Reißers Roman „Pulver“ über Technik, Gewalt und die Wiederkehr der Geschichte

Johann Reißers Pulver wirkt zunächst wie ein historischer Roman über Max Duttenhofer, einen der prägenden Unternehmer der deutschen Pulverindustrie. Doch seine zwölf Kapitel führen von 1858 bis 2020 und überschreiten damit die Biografie eines Einzelnen. Reißer verbindet historische Recherche mit einer vielstimmigen Erzählweise, die nach den Verflechtungen von technischem Fortschritt, wirtschaftlicher Macht und organisierter Gewalt fragt.
Den gedanklichen Horizont des Romans markieren bereits zwei Mottos: Marshall McLuhans Satz „Jede neue Technologie erfordert einen neuen Krieg“ und Jean Baudrillards Überlegung, dass nichts von dem, was historisch überwunden scheint, wirklich verschwindet. Technische Neuerungen verändern die Formen von Produktion, Krieg und Kommunikation, ohne ältere Macht- und Gewaltstrukturen vollständig verschwinden zu lassen.

Der dem ersten Kapitel vorangestellte kurze Text „Flugbilder Neckartal“ zeigt eine umgenutzte Industrielandschaft, in der Gebäude ihre Funktion gewechselt haben, die Vergangenheit aber in Räumen und Strukturen fortlebt. Erst danach springt die Erzählung ins Jahr 1858. Der erste historische Abschnitt beginnt mit dem Satz: „Und wieder kracht ein Schuss.“ Das unscheinbare „wieder“ verweist bereits auf das Prinzip einer Wiederkehr in veränderter Gestalt.

Reißer zeichnet Duttenhofer nicht von Beginn an als skrupellosen Waffenproduzenten. Der junge Mann nähert sich der Pulvermühle zunächst aus Neugier, beobachtet, experimentiert und will verstehen, wie Dinge funktionieren. Gerade diese Ausgangslage bewahrt den Roman vor einer einfachen moralischen Konstruktion. Der Roman verfolgt vielmehr, wie aus technischer Neugier industrielle Produktion und daraus wirtschaftliche wie militärische Macht entstehen. Pulver entwirft damit weniger die Lebensgeschichte eines Industriellen als eine Genealogie der industriell-militärischen Moderne. Das titelgebende Pulver wird zum Leitmotiv, das die wechselnden Perspektiven und Zeitebenen des Romans miteinander verbindet.

Schon früh stellt Reißer Duttenhofers Fortschrittsoptimismus andere Perspektiven entgegen. Dem Kapitel „Der Schuster“ ist der kurze Text „Gesichter“ vorangestellt, dessen erster Satz wie eine poetologische Formel des Romans gelesen werden kann: „Alles, was ein Gesicht hat, hat auch ein anderes.“ Hinter der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte der Pulverproduktion stehen gefährliche Arbeitsbedingungen und soziale Ungleichheit. Der Schuster macht diese Gegenseite sichtbar, indem er die Verletzten und Toten nach Explosionen in den Blick rückt.

Im Kapitel „Der Kunstprofessor“ verschiebt sich diese Spannung auf die Ebene der Repräsentation, denn Fabrik, Villa und Festkultur zeigen bald, dass industrielle Macht nicht nur Waren, sondern auch Bilder von sich selbst produziert. Parallel zu dieser ästhetischen Selbstinszenierung verdichten sich Duttenhofers familiäre, wirtschaftliche und politische Beziehungen zu einem Netzwerk, das seine individuelle Geschichte zunehmend übersteigt.

Besonders sichtbar wird dieses Netzwerk dort, wo patriotische Rhetorik, wirtschaftliche Interessen und militärische Nachfrage zusammentreffen: Während auf Vaterland und „deutsche Tüchtigkeit“ angestoßen wird, orientiert sich die Produktion längst an internationalen Märkten und Aufträgen. National wird gesprochen, international wird verkauft.

Mit Duttenhofers Sohn, dem Fotografen Richard, und dessen politisch radikalisiertem Schulfreund Jakob treten zwei unterschiedliche Deutungen derselben Wirklichkeit hervor: Richard hält sie in Bildern fest, Jakob deutet sie politisch. Für Duttenhofer steht die Fabrik für technische Leistung und Wohlstand, Jakob dagegen deutet sie als Ausdruck von Militarismus und Ausbeutung. Reißer hält an der Ambivalenz Duttenhofers fest: Er erscheint zugleich als technisch neugieriger Unternehmer und als Mitgestalter eines Systems, das von Rüstung und Krieg profitiert. Verantwortung erscheint dadurch weder rein individuell noch vollständig im System aufgehoben: Duttenhofer handelt innerhalb eines größeren wirtschaftlichen, politischen und militärischen Geflechts, bleibt für dessen Entwicklung aber mitverantwortlich.

Auf dem Höhepunkt seiner gesellschaftlichen Stellung beginnt Duttenhofers Kontrolle zugleich zu bröckeln. Krankheit, Sabotageängste, familiäre Konflikte und die Folgen der Expansion machen sichtbar, dass das industrielle System nicht mehr mit seiner Person identisch ist. Was Max mit aufgebaut hat, lässt sich nicht mehr von einem Einzelnen beherrschen.

Mit Rosa, Duttenhofers unehelicher Enkelin, richtet Reißer den Blick auf diejenigen, die den Preis industrieller und militärischer Expansion unmittelbar am eigenen Körper tragen. Sie arbeitet in der Pulverfabrik unter Bedingungen, in denen Staub, Funken und kleinste Unachtsamkeiten lebensgefährlich werden können. Mit dem Krieg rückt sie tiefer in die Munitionsproduktion; die sogenannte Heimatfront erweist sich damit als Teil der Kriegsmaschine. Besonders eindringlich wird dieser Zusammenhang im Briefwechsel zwischen Rosa und ihrem Freund Hans, der an der Front dient. Fabrik und Front erscheinen als zwei Enden derselben Kriegsökonomie. Rosas Hände produzieren Munition; Hans’ Körper trägt ihre zerstörerischen Folgen.

Im Kapitel „Der Soldat“ schreibt sich der Krieg in Zuckungen, Sprachstörungen, Angstreaktionen und Erinnerungsbrüche ein. Die Heimkehr beendet ihn nicht. Gerade hier zeigt der Roman die Grenze technischer Optimierung: Maschinen lassen sich verbessern und reparieren, die körperlichen und psychischen Folgen des Krieges am Menschen jedoch nicht in gleicher Weise rückgängig machen.

Dass Hans schließlich wieder in die Nähe der Fabrik zurückkehrt, verleiht dieser Konstellation eine zirkuläre Härte: Die Welt der Produktion, deren Logik ihn an der Front verletzt hat, nimmt ihn erneut auf. Zugleich wächst bei Rosa aus konkreten Erfahrungen mit Hunger, niedrigen Löhnen und den Kriegsgewinnen der Fabrik ein politisches Bewusstsein. Mit Rosa und Hans erreicht Pulver einen ethischen Kern. Die Frage lautet nun nicht mehr nur, wie industrielle Macht entsteht, sondern wer ihre Last trägt.

Nach dem Ersten Weltkrieg verschiebt sich der Roman von der materiellen Gewalt des Pulvers zu neuen Formen technischer Reichweite. Die Fabrik stellt Teile ihrer Produktion auf zivile Güter wie Kunstseide um; zugleich gewinnen Radio, Grammophon und andere Medien an Bedeutung. Damit verlagert der Roman diese technische Fernwirkung vom Materiellen ins Mediale: Stimmen, Nachrichten und politische Botschaften verbreiten sich schneller und weiter. Das gilt ebenso für Propaganda, antisemitische Parolen und nationalistische Mobilisierung.

In „Die Besucherin“ führt Reißer diese Linie bis in die Gegenwart. Das Neckartal, Standort der historischen Pulverfabrik, trägt die Spuren seiner industriellen Vergangenheit weiter, obwohl Gebäude umgenutzt und historische Räume überformt worden sind. Auch die Technik hat ihre Gestalt verändert: Pulver, Kanonen und klassische Munitionsproduktion stehen nun neben Drohnen, digitaler Überwachung und Cyberkrieg.

Der Roman behauptet jedoch keine einfache Gleichsetzung zwischen den Epochen. Er zeigt vielmehr, wie sich mit neuen Technologien die Möglichkeiten verändern, aus der Distanz zu wirken, zu steuern und zu überwachen. Reißer gestaltet diese historischen Kontinuitäten erzählerisch durch wechselnde Figurenperspektiven, Zeitsprünge und die den Kapiteln vorangestellten Kurztexte.

Zu den stärksten formalen Entscheidungen des Romans gehören die zwölf kurzen Texte, die den Kapiteln vorangestellt sind. Liest man sie hintereinander, entsteht neben dem Familien- und Epochenroman beinahe ein zweiter Roman: ein Roman der Bilder, Dokumente und Blickordnungen. Texte wie „Gesichter“, „Unfallsaufnahme um 1900“ oder „Gesamtansicht Pulverfabrik, um 1916“ fragen danach, was eine Epoche zeigt und was sie ausblendet. Der Satz „Alles, was ein Gesicht hat, hat auch ein anderes“ gewinnt dadurch eine poetologische Funktion: Jedes Bild besitzt eine Gegenseite, jede Darstellung einen blinden Fleck.

Gerade die Wiederholung von Motiven wie Gesichtern, Fotografien, Masken und Explosionen droht stellenweise in Überdeutlichkeit umzuschlagen. Reißer hebt manche Bilder, Symbole und historischen Gegensätze durch Wiederholung und erklärende Zuspitzungen so stark hervor, dass dem Leser wenig Raum für eigene Entdeckungen bleibt. Einzelne Figuren, etwa der Schuster oder Jakob, wirken stellenweise weniger als eigenständige Charaktere denn als Träger sozialer oder politischer Positionen. Die Vorspänne gehören zwar zu den originellsten Mitteln des Romans, nehmen gelegentlich aber bereits vorweg, wie das Folgende zu lesen ist.

Die große historische Spannweite von 1858 bis 2020 ermöglicht einen weiten Blick, zwingt den Roman stellenweise jedoch zu starker Raffung auf Kosten psychologischer Vertiefung.

Trotz seiner gelegentlichen Überdeutlichkeit schließt Pulver seinen historischen Bogen überzeugend. Zwischen dem neugierigen Jungen an der Pulvermühle und der Besucherin im Neckartal liegt keine geradlinige Fortschrittsgeschichte, sondern eine Folge historischer Transformationen.

Am Ende führt deshalb kein Weg an dem ersten historischen Satz des Romans vorbei: „Und wieder kracht ein Schuss.“ Erst nach der Lektüre gewinnt das unscheinbare „wieder“ sein volles Gewicht. Pulver erzählt nicht von identischer Wiederholung, sondern von Wiederkehr in veränderter Gestalt. Fabriken ändern ihre Funktion, politische Systeme brechen zusammen, Waffen und Medien wechseln ihre Form. Die Verbindung von technischem Fortschritt, Macht und Gewalt bleibt jedoch bestehen.

Gerade dort, wo der Roman über Max Duttenhofer hinausweist, erreicht er seine größte Stärke. Reißer benutzt dessen Biografie, Familie und industrielle Welt, um eine weiterreichende Frage zu stellen: Hält die moralische Entwicklung des Menschen mit seinen technischen Möglichkeiten Schritt? Eine eindeutige Antwort gibt Pulver darauf nicht. Der Roman stellt vielmehr die beiden Gesichter des Fortschritts nebeneinander: Erfindung und Zerstörung, Wohlstand und Ausbeutung, Kommunikation und Propaganda, Erinnerung und Verdrängung. Der Fortschritt verändert seine Gestalt. Seinen Schatten wird er nicht los.

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