Von Bücherstapeln, Ordnung und Inspiration

Gepostet am Aktualisiert am

Auf literaturoutdoors.com ist ein kleines Interview mit mir in der Reihe „5 Fragen an KünstlerInnen zur Gegenwart“ erschienen. Vielen Dank an Walter Pobaschnig!

Lieber Johann, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht jeder Tag ist gleich, wenn man in verschiedenen künstlerischen Feldern arbeitet und oft mehrere Projekte gleichzeitig am Laufen hat.

Meist beginnt mein Tag mit Emails und Orga-Kram zum Frühstück, um möglichst bald zum Schreiben und Lesen zu kommen, was ich am liebsten in Bibliotheken mache, in Gesellschaft und Austausch mit Büchern und buchaffinen Menschen. Berlin hat viele tolle Bibliotheken, das empfinde ich als großen Reichtum.

Ich liebe aber auch die Zusammenarbeit mit anderen, so in einem Buchprojekt mit Ursula Seeger oder im Herbst bei einem Performanceprojekt zur Klimaentwicklung. Oder wenn ich Kurse zum kreativen Schreiben und zur Philosophie leite.

Darüber hinaus muss Zeit zum Austausch und zur Inspiration bleiben – direkt mit Menschen oder über Medien, bei Kulturveranstaltungen, einem Café oder einem Bier.

Johann Reißer, Schriftsteller, Theatermacher, Dozent

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sich nicht verrückt machen lassen und nicht den Kopf in den Sand stecken. Nicht das Verbindende aus den Augen zu verlieren und nicht die vielen Probleme jenseits der eigenen Privatwelt.

Die Pandemie lässt einen leicht in Selbstbetrachtung versinken. Dass da drängende Probleme wie die Klima-Katastrophe, große politische Konflikte und humanitäre Krisen ins Hintertreffen geraten, finde ich empörend. Oder dass viele die Zunahme politischer Radikalisierung in unserer Gesellschaft einfach so hinnehmen. Wenn wir wegschauen, wird uns das bald um die Ohren fliegen. Da gibt es genug Beispiele in der Geschichte.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und andere Künste können dieser Tage Essentielles leisten: zwischen verschiedenen Menschen und Perspektiven vermitteln, die Freude am Gemeinsamen wiedererwecken, deutlich machen, was man alles tun kann und warum es sich lohnt.

Dabei sollten Künstler*innen nicht nur bequeme, vertraute Wege beschreiten, sondern sich auf Veränderungen einlassen, neue Formate erproben, Neues wagen. Und das umso mehr, als man befürchten muss, dass viele Menschen in den letzten Monaten den Kontakt zur Kultur wie auch zu anderen ein Stück weit verloren haben.

Was liest Du derzeit?

Wie immer: ziemlich viel und ziemlich viel gleichzeitig.

Zu meinem Roman über eine Pulverfabrik und die Entwicklung der Rüstungsindustrie: „Jud Süß“ und „Die Geschwister Oppenheim“ von Lion Feuchtwanger, „Die Unverhofften“ von Christoph Nussbaumeder, „Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber, Verschiedenes von Thomas Mann, dann Bücher über Festungsbau und Kolonialismus, Biografien von Erfindern und Wirtschaftsbossen der Gegenwart und der Vergangenheit.

Für das lyrisch-grafische Buchprojekt über menschliche und nichtmenschliche Gehäuse, an dem ich mit Ursula Seeger arbeite: Bücher über verschiedene Aspekte der Architektur, über Stadtmorphologie, Geologie und Tier-Mensch-Beziehungen, Gedichte von Marcel Beyer, Marion Poschmann und anderen Lyriker*innen…

Nebenher noch dieses und jenes. Die Bücherstapel werden nicht kleiner.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In Baruch de Spinozas „Ethik“ heißt es an einer Stelle: „Und weil uns angenehm ist, was wir uns leicht vorstellen können, ziehen die Menschen die Ordnung der Verwirrung vor, als ob Ordnung auch abgesehen von unserer Vorstellung etwas in der Natur wäre.“

Sich nicht zu schnell auf einfache Erklärungsmuster einzulassen, Sortierungen kritisch betrachten – das ist dieser Tage wirklich wichtig.

Vielen Dank für das Interview, lieber Johann, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielseitigen Literatur-, Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Johann Reißer, Schriftsteller, Theatermacher, Dozent

https://johannreisser.com/

Foto_Ursula Seeger

14.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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