Oberpfälzer Ministranten und Cheshire-Katzen unter sich

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Wahrscheinlich kennt das jeder: Da ist man auf der Aussichtsplattform des Empire State Building und wer läuft einem über den Weg? Kein gestresster Wallstreet-Banker, der per Handy hitzige Verhandlungen über die Getreidepreise dieser Welt führt, kein hochbegabter Künstler, der die Tragik seiner Existenz zwischen Tauben und Wolken austariert. Sondern der Banknachbar aus der fünften Klasse, dem man während des Unterrichts immer die Zahlenkombination für seinen Aktenkoffer verstellte, weshalb dieser nie seine Hausaufgaben machen konnte – was der Grund dafür sein mag, dass er einem nun besonders ausführlich erzählen muss, wie erfolgreich er inzwischen in seinem Job ist und was für einen hochherrschaftlichten Betonklotz er sich gerade in den Garten seiner Eltern gestellt hat. Oder: man hat sich überreden lassen, zum Junggesellenabschied des besten Jugendfreundes mit nach Mallorca zu fahren. Und da begegnet einem nun nicht etwa der Geist von Thomas Bernhard, um einem in urentspanntem Österreichisch die Niederträchtigkeit der Österreicher an und für sich auseinanderklamüsert. Sondern während man im Supermarkt vollkommen betrunken Bierflaschen auf das Förderband legt, bemerkt man, dass an der Kasse das Mädchen sitzt, in das man ein Semester lang schrecklich verliebt war, um sich dann endlich bei einer Uniparty nach viel zu viel Alkohol den Mut zu fassen, sie anzusprechen, was natürlich furchtbar in die Hose ging.

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Nun laufe ich seit knapp einer Woche im Bischöflichen Konvikt Rottweil zwischen allerlei barocken Bildern herum: da gibt es Bildern an den Wänden, Fresken an den Decken und vor allem sehr sehr viele Fresken und Bilder in der dem Konvikt angegliederten Kapellenkirche. Und was erfahr ich nun, nachdem ich mich langsam in die Exotik des fernen Schwabenbarocks hineingeträumt habe? Der Maler der allermeisten dieser Bilder ist quasi ein Nachbar von mir: Joseph Johann Fiertmair, gebürtig aus Schwandorf, was nur einen Katzensprung bzw. Kurzstreckenschwanenflug von meinem Heimatdorf entfernt liegt.

Aber nicht nur räumliche Nähe besteht: Joseph Johann Fiertmair, bzw. der Fiertmair Sepp, wie man ihn wohl nannte, war ein Schüler von Cosmas Damian Asam – welchem ich wiederum gemeinsam mit seinem Bruder Egid Quirin erste Erfahrungen mit Intermedialität und Hyperrealismus verdanke. Ihre Kirchen waren die Schulen meines Kunstgeschmacks. So wie ich auch meine ersten Theatererfahrungen in Kirchenräumen sammelte, nämlich als Ministrant.

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Auch Joseph Johann Fiertmair scheint eine besondere Beziehung zum Ministrantentum besessen zu haben. Zur Erklärung dessen muss nun allerdings etwas weiter ausgeholt werden. Fiertmair erhielt mit 25 Jahren den Auftrag seines Lebens: er sollte die Kapellenkirche in Rottweil samt und sonders ausmalen. Das tat er dann auch die darauffolgenden sechs Jahre: Fiermair malte Wandbildern und Altarbilder, vor allem aber gestaltete er das Deckengewölbe der Kirche. Er schuf dort spektakuläre Szenen mit allerlei himmlischen Special-Effects-Theater, zauberte ein schillerndes Wechselspiel verschiedener Künste und Sphären. Dort, wo die Asam-Brüder in ihrer kongenialer Zusammenarbeit mit den Übergänge zwischen bildnerischen und plastischen Elementen spielten, da war Fiermair zur Umsetzung all der illusionistischen Tricks, die der Barock liebt, allein auf seinen Pinselstrich verwiesen, mit dem er Stuck und plastische Elemente, Kunstspartenverschmelzungen und Architekturauflösungen simulierte. All die vielen Faltungen zwischen diesen Bereichen, all die Übergänge zwischen Himmeln und Kuppeln, zwischen Säulen und Erden, zwischen Dies- und Jenseits, die das Theatrum sacrum ausmachen, malte er in den feuchten Putz.

In diesem Gefüge einander rahmender oder miteinander verschmelzender Realitätsschichten verschaffte sich Fiertmair in guter barocker Manier auch einen höchst eigenwilligen Cameo-Auftritt auf ausgerechnet dem Deckengemälde, das die Trauung der Hlg. Maria mit dem Hlg. Joseph zeigt. Diese Ehe war ja nun ohnehin eine schwierige, indem sich bekanntermaßen ein bedeutsamer Dritter bald schon in sie einmischte. Auf dem Bild dagegen mischt sich gerade in dem Moment, in dem der Hlg. Joseph dabei ist, der Hlg. Maria den Ring zu reichen, der andere Joseph, der Fiertmair Joseph nämlich, als rabaukenhaft lachender Ministrant in die Szene ein, um mit einer Lichtputzschere die Hochzeitskerze des Paares auszulöschen.

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Auf heutigen Internet-Trauforen liest man, dass die Hochzeitskerze vom trauten Paar nur in einem ganz besonderen Moment gemeinsam Wange an Wange ausgeblasen werden darf. Fiertmair funkt solch verliebten Zartheiten entschieden dazwischen. Mit seinem schon teilweise zahnlosen Mund und seinem Lockenkopf mehr an einen trinkfreudigen Rocker als an einen galanten Barockmaler erinnernd platzt er in die Traumhochzeit und macht dem Symbol der eben erst begangenen Vermählung ein Garaus.

Was will uns der Maler damit sagen? Ein Freund der Allegorese, Psychoanalyse oder des Strukturalismus kann dieser Konstellation – Trauung mit unsichtbarem Drittem, der doppelte Joseph, Ringtausch ohne Blicktausch, die durch die Lichtputzschere bedrohte Hochzeitskerze, der Maler als Ministrant als Störgeist, der Anachronimus eines katholischen Ministranten auf einer jüdischen Hochzeit (Danke an C. P. Letz für diesen Hinweis!) – wohl stundenlang seinen Spaß haben.

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„Ministranta san Deifels Trabanta“, schreibt der Rottweiler Mundartdichter Egon Rieble dagegen zu diesem Bild.

Als ehemaliger oberpfälzer Ministrant kann ich nur sagen: ja, so sind sie, die Ministranten. In der Oberpfalz und wohl auch  anderswo. Mit den Ministranten ist dem heiligen Theater des Gottesdienstes immer schon sein satirisches, karnevaleskes Element eingepflanzt. Hat man es hier also mit einer dionysischen Dekonstruktion des Eheschließungsrituals aus dem Geiste des karnevalesken Ministrantentums zu tun? Oder ist der schalkhafte Ministrant doch ein (unbewusster) Erfüllungsgehilfe des göttlichen Willens, indem er das (erotische) Feuer einer Ehe löscht, der ein höherer Zweck bestimmt war – während er in den Augen Josefs erst Mal wohl doch als „Deifels Trabanta“ erscheint, indem er dessen persönlichen Interessen erst Mal unterläuft, bis er über den Wissen des Höchsten aufgeklärt wird?

Joseph Fiertmair malte nach diesem Riesenauftrag jedenfalls munter weiter und war so in der Dominikanerkirche Rottweil, der Wallfahrtskirche in St. Märgen, der Pfarrkirche Schörzingen, der Anna-Kapelle in Dotternhausern, der Pfarrkirche in Roßwangen, der Antoniuskirche in Saulgau und in der Wahlfahrskirche Weggental tätig.

Und dann starb er, mit gerade Mal 36 Jahren.

Man weiß heute nicht mehr viel über ihn. Ob ihm, der schon früh als Laienbruder den Jesuiten beitrat, „seine Kunst ein Gottesdienst“ war, „ein Lobopfer für den unendlichen Gott“, wie es in einer Gedenkschrift aus den 1930er Jahren heißt, oder ob er ein Rocker avant le lettre war, der es mit dem Slogan „Live fast, die young“ hielt? Ob sein vielschichtiger Humor mehr vom oberpfälzer Ministrantum oder vom schwäbischen Narrentum herrührte?

Man kann es nicht wissen. Fiertmair entzieht sich mit seinem einzigen gemalten Selbstzeugnis eindeutigen Zuschreibungen. Von seiner eigenen Person bleibt nicht mehr zurück, als bei „Alice im Wunderland“ von der rätselhaften Chesire-Cat: ein großes, vieldeutiges Lachen.

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