Stein um Stein, Stich um Stich

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Derzeit arbeiten Ursula Seeger und ich an dem Kapitel „Schichten/Lagen“ aus unserem lyrisch-grafischen Buchprojekt „Unser Haus“. Darin interessiert uns die Herkunft und das Schicksal verschiedener Baustoffe, so auch das der Milliarden von Ziegelsteinen, mit denen ein guter Teil der Berliner Altbauten errichtet worden ist.

Anfang des 20. Jahrhunderts entstand im Norden Berlins bei Zehdenick eines der größten Ziegeleigebiete Europas. 1910 wurden dort 625 Millionen Mauerziegel in 57 Hoffmannschen Ringöfen gebrannt, die zum größten Teil auf Transportkähnen nach Berlin verschifft wurden.

Für den Tonaabbau wurden immer neue Gruben, sogenannte Stiche, angelegt. Diese tragen oft den Namen der Ziegeleibesitzer, doch auch andere Namen, die etwa auf den Verwendungszweck hinweisen. So findet man neben dem Burgwaller-, dem Faulhaber-, dem Prerauer- und dem Ramin-Stich auch den Mieten-Stich und den Kinder-Stich. Während ich für den Namen des letzteren keine Erklärung finden konnte, ist der Name des Germania-Stichs einfach zu erklären: er diente dem gigantomanischen Germania-Projekt der Nazis.

Zurückgeblieben ist von der riesigen Tonaabbaulandschaft, über der einst ein dichter Wald von Schloten rauchte, heute ein Erholungsgebiet mit zahlreichen Seen, Schwimmstränden, Naturlehrpfaden, einem gesperrten Militärgebiet und Vogelbeobachtungsplattformen. An manchen Uferstellen sieht man unter dem Wasserspielgel aber auch noch Ziegelsteine schimmern, die beim Verladen oder dem Kentern eines Lastenkahnds ins Wasser gefallen sein mögen, Reste einer an dieser Stelle geschürften und ausgehärteten Stadt.

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