Letzte Event-Updates

Interview Prenzlauer Berg Nachrichten

Gepostet am Aktualisiert am

Ursula Seeger und ich haben für die Prenzlauer Berg Nachrichten ein Interview gegeben, in dem wir über unser Buchprojekt und die aktuelle Arbeitssituation erzählen – erschienen im Prenzlette Spezial #2 Mai 2021

– Aus der Nachbarschaft –

Ursula Seeger und Johann Reißer aus Prenzlauer Berg sind ein Paar und in verschiedenen künstlerischen Bereichen tätig. Derzeit arbeiten sie an einem lyrisch-grafischen Band zu menschlichen und tierischen Architekturen, der voraussichtlich 2022 erscheinen wird. Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf ihren Beruf?

Wie geht es Euch in der aktuellen Pandemie-Situation?

Seeger:
Ich hatte das Glück, während des ersten Pandemie-Jahres eine Teilzeitstelle zu finden. Daher bin ich nicht mehr nur auf meine selbstständige Tätigkeit angewiesen. Die meisten meiner eigenen Projekte konnten online weiterlaufen. Außerdem arbeiten wir gerade gemeinsam an einem lyrisch-grafischen Band zu menschlichen und tierischen Architekturen in Berlin.

Reißer: Für die Buchrecherche haben wir die Stadt nochmal ganz neu erkundet und Zusammenhänge entdeckt, die uns zuvor unbekannt waren, und die wir mittels Fotografien, Collagen, Grafiken und Texten sichtbar machen wollen. Allerdings sind für mich auch einige berufliche Tätigkeiten weggebrochen. So biete ich beispielsweise regelmäßig Gedichtwerkstätten an, von denen einige nun nicht stattfinden können. Auch geplante Performance- und Theaterprojekte mussten auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Habt Ihr staatliche finanzielle Unterstützung in Anspruch nehmen können?

Seeger: Von den ersten Corona-Soforthilfen habe ich zu spät erfahren und später war es wegen der Teilzeitstelle nicht mehr notwendig für mich, Hilfen zu beantragen.

Reißer: Als die Unterstützungen anliefen, gab es viel Unsicherheit im Kulturbetrieb; wer darf sie in Anspruch nehmen, auf wen treffen die Richtlinien überhaupt zu? Ich habe zu lange gezögert bei den ersten Corona-Soforthilfen. Bei der „Verlosung“ von Corona-Sonderstipendien im letzten Herbst bin ich dann leider leer ausgegangen.

Hättet Ihr Euch von Seiten der Politik bessere Kommunikation gewünscht?

Reißer: Ja! Es lief alles ziemlich chaotisch und zum Teil willkürlich ab. Statt Pauschallösungen hätte ich mir eine bessere Abstimmung mit der Lebenswirklichkeit vieler Kulturschaffenden erhofft.

Beeinflusst Corona auch thematisch eure Arbeit?

Seeger: Eher indirekt als thematisch, weil der Kreis der Menschen, mit denen man sich über die eigene Arbeit austauscht, kleiner wird. Impulse und Anregungen, nach denen man gar nicht sucht, die einem aber in normalen Zeiten unerwartet über den Weg laufen, fallen weg. Dafür nimmt die Fokussierung auf das, was man bearbeitet, zu.

Reißer: Die chronische Privatheit spiegelt sich bestimmt auf irgendeine Weise in den Texten wider, deren Beschaffenheit ja mitunter von den Produktionsbedingungen beeinflusst wird. Das Moment der Ruhe tut dem Schreiben natürlich gut, mir beispielsweise fehlen aber die Bibliotheken sehr.

Welche neuen Strukturen, die sich während der Pandemie herausgebildet haben, werden Eurer Meinung nach erhalten bleiben?

Seeger: Ein Vorteil der digitalen Veranstaltungsformate ist natürlich die Ortsungebundenheit. Ich konnte virtuell zum Beispiel Symposien besuchen, die für meine Arbeit relevant sind, und mit Autor*innen aus verschiedenen Städten in digitalen Literaturgruppen zusammenarbeiten. Es wäre schön, wenn diese Zugänge ein stückweit erhalten blieben. Andererseits kann ich mir vorstellen, dass man nach Corona der digitalen Welt erstmal überdrüssig ist.

Reißer: Natürlich haben Online-Veranstaltungen großes Potential für internationales Publikum. Aber letzten Endes funktionieren für mich Online-Lesungen und Online-Theater nur sehr begrenzt und ich hoffe, dass die analoge Welt zurückkehrt, auch wenn sie hier und dort auf digitale Möglichkeiten zugreift.

Clouds

Gepostet am Aktualisiert am

Unser Haus will anders werden.

Es will sich lösen, will schweben.

Von Steinen, Erde ganz befreit,

Unser Haus will Wolke werden,

Ein bewegliches Heer von Vektoren und Faktoren,

Von Zahlen und Prognosen,

Es will Formation werden, rotieren, gleiten.

Unser Haus will in großen Strömen aufgehen,

Es will am Auftrieb teilhaben,

An hohen, unsichtbaren Sphären,

Die sich, so sagt man, über uns wölben.

Die Renderings sehen blendend aus:

Zwischen neuen Kategorien und Klassen,

Zwischen blanken Scheiben und Fassaden,

In denen sich Wetterfronten verfangen,

Zusammenbrauen, weiterziehen mit oder ohne uns. 

Nestbaulaune

Gepostet am Aktualisiert am

Es keckern die Elstern, es gurren die Tauben, es krächzen die Krähen:

Nestbaulaune.

Es tröten die Kräne, die Mischer geben Laut:

Es werden Wohn- und Brutstätten bereitet.

Es tröten die Kräne, es wischen die Männer über Monitore.

Schwebende Trägerteile im Blau.

Man beschnüffelt die Hintern, flaniert an gerenderten Spiegelfassaden.

Nestbaulaune.

Man betrachtet künftige Schlafplätze. Es tutet, ein Schwenk.

Vorbeigeschoben Pappkartons, Taschen, Decken.

Noch ein Tuten, Schwenk zurück.

Nestbau, wie auf Plastiktafeln vorgeprägt.

Die Männer wischen erneut, die Träger senken sich.

Nochmals ein lässiges Wischen, der Mischer ist leer.

Nur ein Flirt? Nestbaulaune.

Es keckern die Elstern, es gurren die Tauben, es krächzen die Krähen.

„Ansichten aus dem Frau Holle-Land“ im Jahrbuch der Lyrik

Gepostet am Aktualisiert am

Soeben sind die Belegexemplare des Jahrbuchs der Lyrik 2021 im silbrig glänzenden Kleid eingetroffen. Ich freu mich, dass mein Gedicht Ansichten aus dem Frau Holle-Land darin vertreten ist.

Spiegelflechten

Gepostet am Aktualisiert am

Ein Wunderwerk verflochtener Cluster, Masterpläne, Lobbys und Lounges diskret getrennt, Eigenraum und Freiheit, Transformationserfahrung: Bild in Bild. Dazu weitere Areale des Machbaren, Place to be wie aus dem Rendering.

Klotzen

Gepostet am Aktualisiert am

Da liegt etwas. Liegt groß, liegt mächtig, schwer. Liegt quer, stört die Sicht, die Wege. Ist grob, unförmig, klotzt riesenhaft ins Bild.

Grau und fleckig, bewachsen und besprayt. Bollwerk gegen das Andere, Schwerbelastungskörper der Stadt, gerichtet gegen den Himmel, stummer Nachhall des totalen Kriegs (verkündet gleich um die Ecke), Klageklotz der totalen Unterwerfung (tausende Tonnen toter Masse auftürmend) verödete Schaltzentrale des Wahns (Millionen Kilometer weit in die Landmassen sich verästelnd), Ungetüm, an dem der der Zahn der Zeit kaum zu kratzen vermag. Wie der Klotz genau dort landete? Wo mit den Erklärungen beginnen? Wo mit den Erklärungen enden?

Und was nun tun? Wegsprengen funktionierte nicht, man hat es einige Male versucht. Wegschieben, wegschauen, wegfeiern? Zergliedern, zersetzen, zerreden? Oder noch konsequenter überbauen, übermalen, überwachsen, überwuchern, überwohnen, überleben?

Streit um Gier und Pulvergeschäfte

Gepostet am

Im Haus der Geschichte Baden-Württembergs soll demnächst eine Sonderausstellung zum Thema GIER. WAS UNS BEWEGT eröffnet werden. Als ein Musterbeispiel für das Laster der Gier wird dabei auf Max Duttenhofer besonders eingegangen – der Protagonist meines hoffentlich bald erscheinenden Romans „Pulver“.

Das HdGBW nennt Duttenhofer im Ausstellungsteaser den „unersättlichen Pulverkönig“ und schreibt, dieser habe nicht nur seine Fabrik immer weiter ausgebaut und sich Dank glänzender Beziehungen das Monopol für Pulver in Deutschland gesichert – was ihm aber nicht gereicht habe. Er habe auch andere Unternehmen kontrolliert und zeitweise Gottlieb Daimler aus dessen eigner Firma gedrängt.

In einem am 7. November erschienen SPIEGEL-Artikel führt der Ausstellungskurator und Historiker Rainer Schimpf das alles genauer aus. Er spricht dabei von dem so rätselhaften wie spektakulären Leben des Großindustriellen Duttenhofer. Wobei er sich verwundert zeigt, dass der aufregende Stoff, den dessen Leben und Wirken bietet, bisher noch nicht einem breiteren Publikum bekannt geworden ist, wie etwa die Biografie von Alfred Krupp oder Gottlieb Daimler.

Über diesen Artikel berichten der Schwarzwälder Bote und das Schwäbische Zeitung wenige Tage später unter dem Titel „Skrupelloser Netzwerker des Turbokapitalismus“ – woraufhin sich eine Debatte entspinnt:

Denn dem Historiker Jörg Kraus, Historiker und Autor des Buches Für Geld, Kaiser und Vaterland – Max Duttenhofer, Gründer der Rottweiler Pulverfabrik und erster Vorsitzender der Daimler-Motoren-Gesellschaft, ist die Darstellung Duttenhofers als gieriger Ausbeuter zu harsch und einseitig. Am 24.11. veröffentlichte er im Schwarzwälder Boten eine Korrektur des Bildes unter dem Titel Ein Charakter zwischen Gier und Hilfsbereitschaft. Kraus relativiert darin einige der Negativzuschreibungen und führt verschiedene Stimmen an, die dem umtriebigen Pulverfabrikbesitzer auch angenehmere Eigenschaften bescheinigen (wobei die dabei zitierten Nachrufe wohl nicht immer für bare Münze genommen werden dürfen, wie Kraus auch selbst in seinem Buch schreibt) .

Der rechte Pöbel-Blogger Schantle, in Rottweil für geifernden Hasskommentare zu allem, was seine braune Heimatlichkeitsblase anrührt, berüchtigt, lässt sich diese Diskussion nicht entgehen. In üblicher Beisswut werden gebetsmühlenhaft wiederholte Klischeekeulen rausgeholt, um von „linken Schmierfinken“, „linksversifften Maßstäben“ und „roter Gülle“ zu schreiben. Woraufhin ein werter Mitstreiter, der sich den vielsagenden Namen „Tempelritter“ gibt, sogleich vom „geistigen Selbstmord“ spricht, den man begehe, wenn man solche „linken Drecksäcke“ gewähren lasse, die ein „stalinistisches System“ aufbauen wollten. Und so geht es weiter mit den Grüßen aus dem braunen Abseits, wo Militarismus Nestwärme zu bedeuten scheint…

Wie die also jetzt schon umstrittene Gier-Ausstellung Max Duttenhofer dann tatsächlich darstellt? Man wird es sehen, wenn das Haus der Geschichte Baden-Württembergs wieder seine Türen öffnen darf. Es gibt über Max Duttenhofer, seine Unternehmungen und sein Umfeld in jedem Fall mehr als genug Spannendes zu erzählen. War dieser doch eine komplexe Persönlichkeit, die sich nicht so leicht auf einen Begriff bringen lässt – ebenso wie die zahllosen Projekte und Prozesse, in die dieser involviert war.

Das wird auch mein Roman – der den historischen Duttenhofer nur zum Vorbild für einen nicht genauer benannten Protagonisten nimmt – zeigen, weshalb er eine Vielzahl von Erzählern und Blickwinkeln wählt, um Pulverkönig, Pulverstadt und Pulverzeitalter samt all dem Streit, der sich mit und um ihn entwickelt hat, zu beleuchten.

Im vertrauten Dschungel der Transparenz

Gepostet am Aktualisiert am

Seit wir unser Haus mit Glas umschlossen haben ist uns nichts mehr fremd. Alles spielt sich in unseren Fenstern ab: der Fluss der Menschen, der Zug der Vögel, das Wachsen des Grüns und der Maschinen. Alles ein Gleiten auf glatten Flächen – nur durch eine dünne Schicht von uns getrennt.

Wir verzeichnen wachsende Spiegelmaschinerien, verbesserte Glastechnologien, unmerkliche Ersetzungen. Eine feine, kühle Magie, die uns mit sich zieht wie die Wolken in den Fassaden.

POING Zukunft

Gepostet am Aktualisiert am

Am Freitag, 4.9., findet die Vorstellung der Anthologie „POING | ZUKUNFT“ in der Schwartzschen Villa in Berlin-Steglitz statt. Vier Lyrik- und Fotozyklen aus dem Band werden präsentiert.

Ursula Seeger und ich werden unseren Zyklus „Wellen und Kreise“ vortragen, des Weiteren lesen Annalisa Hartmann, Lars-Arvid Brischke und Sina Nowikow. Die Moderation übernehmen die Herausgeber und Verleger der Anthologie, Christian Vater, T. G. Vömel.

Die Lesung beginnt um 20:00 Uhr und findet im Großen Salon der Schwartzschen Villa statt (Grunewaldstraße 55, 12165 Berlin, U9 Rathaus Steglitz / S1 Rathaus Steglitz – Weitere Infos unter https://www.berlin.de/land/kalender/index.php?detail=135756&ls=0&c=91&date_start=04.09.2020&date_stop=04.09.2020 – Achtung, als Anfangsuhrzeit ist auf der Veranstalterseite 19:30 angegeben, tatsächlich wird die Lesung um 20:00 beginnen).

POING ist eine vom vauvau-verlag für interaktive lyrik 2017 ins Leben gerufene Anthologie-Reihe, die alle zwei Jahre zu unterschiedlichen Themen erscheint. Sie präsentiert Gemeinschaftsarbeiten von Autorentandems, die sich medienübergreifend in Wort und Bild dialogisch begegnen. Dem Verlagskonzept entsprechend bringen dabei alle Beteiligten sowohl Bilder als auch Texte in die Arbeit ein.Insgesamt erscheint die im zweiten Band der Anthologie entworfene ZUKUNFT über die Generationen hinweg eher zweifelhaft, keineswegs so verheißungsvoll, wie es uns Vertreter der Werbebranche, der New Economy oder Smart-Living-Visionäre verkaufen wollen.

Die Beiträge nehmen diesbezüglich sehr unterschiedliche kritische Positionen ein, ohne dabei ins allzubekannt überzeichnet Apokalyptische abgleiten zu müssen.Vielleicht gerade weil sich das Zukünftige unserem Zugriff entzieht, spüren die Bilder das Zukünftige im Gegenwärtigen auf und entwerfen von diesem Ausgangspunkt neue Pläne und Zukunftskartografien, nutzen die visuell inszenierten Alltagsobjekte spielerisch als Prognoseinstrumente.

Die Texte hingegen wagen in der Zeitachse den Blick zurück, zurück in die literarische Tradition, wie zum Beispiel zu Hölderlin oder in private Erinnerungsarsenale. So wird der ganze Zeitstrahl in den Blick genommen und die Zukunft aus der Vergangenheit und der Gegenwart extrapoliert, vielleicht als altbekannte, sich nur wiederholende Zukunft, vielleicht auch als unwiederbringlicher Verlust, wenn zum Beispiel Bäume – ähnlich wie ausgestorbene Tiere im Zoo oder im Museum – nurmehr in privaten Erinnerungsarchiven oder lyrischen Sprachreservaten überleben.